Verlieren nachhaltige Geldanlagen an Bedeutung? Meinungsforscher vermuten dies nach der Europawahl. Laut Bundesverbands Investment und Asset Management lag der Anteil nachhaltiger Geldanlagen im Vorjahr immerhin bereits bei fast 22 Prozent und es gibt gute Gründe, zuversichtlich für einen weiteren Anstieg zu sein.   
 

Bei der Europawahl schien der Klima- und Umweltschutz für viele Wähler an Bedeutung verloren zu haben. War dieses Thema 2019 noch das wichtigste für die Wähler, verschoben sich jetzt die Prioritäten. Beim Urnengang traten nach Analysen des Wahlforschungsinstituts infratest dimap derzeit die Friedenssicherung, soziale Sicherheit und Zuwanderung in den Vordergrund.

Investieren die Menschen in Deutschland weniger nachhaltig?

Investieren die Deutschen demzufolge auch weniger in nachhaltige Geldanlagen? Die neusten Zahlen des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI) weisen darauf hin. Demnach entwickelte sich das Neugeschäft im ersten Quartal 2024 schwach und Anleger:innen zogen 3,3 Milliarden Euro aus Publikumsfonds ab. Dennoch knackte der nachhaltige Fondsmarkt in Deutschland insgesamt Ende des ersten Quartals 2024 die Eine-Billion-Grenze an verwaltetem Vermögen. Dieses Wachstum resultierte jedoch hauptsächlich aus Kursgewinnen an den Märkten und aus Umklassifizierungen bestehender Produkte nach der neuen EU-Offenlegungsverordnung. Das Neugeschäft nachhaltiger Fonds lag demnach auch nach wie vor noch weit unter dem konventioneller Fonds. Dennoch erfreulich: Nachhaltige Geldanlagen machten immerhin einen Anteil von 21,8 Prozent aus.

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Marktbericht Nachhaltige Geldanlagen 2024
Weitere Zahlen kamen im Juni vom Branchenverband Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG). Befragt wurden für dessen Marktbericht 62 Finanzinstitute. Im vergangenen Jahr wurden darin in Deutschland Gesamtsummen von 542,6 Mrd. EUR an nachhaltigen Geldanlagen erfasst.

Das Volumen nachhaltiger Publikumsfonds lag bei 262,3 Mrd. EUR, das Volumen der nachhaltigen Vermögensmanagementmandate und Spezialfonds erzielte 210,3 Mrd. EUR. Trotz regulatorischer und politisch-gesellschaftlicher Unsicherheit blicken die Befragten positiv auf das laufende Jahr: 82 Prozent der Befragten rechnen 2024 mit einem Wachstum nachhaltiger Geldanlagen. "Diese positive Prognose verdeutlicht das anhaltende Vertrauen in die Bedeutung und Rentabilität nachhaltiger Investments", schlussfolgert der Fachverband. Dennoch machen sich viele der Befragten auch Sorgen vor politischen Entwicklungen und einer möglichen Abkehr von nachhaltigen Geldanlagen – nicht nur infolge der Europawahl sondern auch mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen in den USA im November. FNG-Vorstandschef Marian Klemm erklärte, dem gelte es, einen „aufklärenden, auf Augenhöhe angesiedelten Diskurs entgegenzusetzen.“

Gründe für die Zurückhaltung gegenüber nachhaltigen Geldanlagen
Ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung der Anleger sehen viele neben dem oben genannten kritischen politischen Umfeld auch in den komplizierten Vorschriften der Europäischen Union für die Anlegerberatung.

Die obligatorische Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen führt oft zu einem „Nein" der Kunden, die sich alle Optionen offen halten wollen. Selbst interessierte Anleger:innen scheitern an der Komplexität der Fragen, die bei der Anlageberatung zu nachhaltigen Geldanlagen gestellt werden müssen. Fehlende einheitliche Standards und Definitionen erschweren den Vergleich und verunsichern Privatanleger:innen zusätzlich. Aufgrund dieser Schwächen hat die EU-Kommission 2023 eine grundsätzliche Überprüfung der Offenlegungsverordnung gestartet. Diskutiert wird unter anderem ein neues Produktklassifizierungssystem mit klareren Nachhaltigkeitsstandards und verständlichen Kategorien. Abhilfe schaffen will auch der die Bundesregierung beratende Sustainability Beitrat mit einer ESG-Skala, die der ehemalige Geschäftsleiter der Triodos Bank Deutschland Georg Schürmann maßgeblich mitentwickelte. Dies könnte dazu beitragen, das Vertrauen der Anleger:innen in nachhaltige Produkte wiederherzustellen. Als ungerecht kann man empfinden, dass nachhaltige Produkte sich „rechtfertigen“ müssen, während klassische Anlageprodukte keinerlei solcher Berichtspflichten haben. Unserer Meinung nach müsste es genau umgekehrt sein. Denn die gesetzlichen Berichtspflichten sind mit hohem personellen und finanziellen Aufwand verbunden.

Doch welche weiteren interessanten Erkenntnisse für die Entwicklung nachhaltiger Geldanlagen lieferte der jüngste Marktbericht
des Forum Nachhaltige Geldanlagen? 

Biodiversitätsverlust erstmals als Risiko berücksichtigt
Erstmals wurde das Aussterben von Arten und der Rückgang ökologischer Lebensräume als ein Risiko für Geldanlagen erfasst. Dabei zeigte sich, dass derzeit bereits ein Drittel der befragten Finanzunternehmen Biodiversitätsrisiken in ihre Investmentprozesse integrieren. Das sei „erfreulich“, so FNG-Geschäftsführerin Verena Menne, müsse aber „in der gesamten Finanzbranche auf die Agenda“. Denn zahlreiche Studien, u.a. der OECD, warnen, dass sich der Rückgang von Biodiversität und der damit verbundenen Ökosystemleistungen auch negativ auf die Wertentwicklung von Finanzprodukten auswirken. Unter Biodiversität wird dabei nicht nur die Vielfalt von Arten und Genen, sondern auch die Vielfalt von Ökosystemen verstanden.

Soziales wichtiger

Neben der Biodiversität rückten auch soziale Themen vermehrt in den Fokus der Befragten. Viele gaben an, bei der nachhaltigen Kreditvergabe soziale Schwerpunkte zu setzen. Um besser messbare Kriterien dafür zu schaffen, empfehle sich künftig die Entwicklung eines Social Investment Frameworks.

Mehr Fonds mit Impact und detailliertere Klassifizierung
Im Vergleich zum Vorjahr ist ein Anstieg von Artikel-9-Produkten bei Publikumsfonds (sogenannte Impact-Fonds) zu verzeichnen. Sie machen neun Prozent des erfassten Volumens aus. Trotz dieser Zunahme dominieren Artikel-8-Fonds (ESG-Fonds) nach wie vor den Markt nachhaltiger Geldanlagen.

Wann gelten Investments als nachhaltig?
Ebenso wie der Bundesverband für Investments definiert auch das Forum Nachhaltige Geldanlagen Fonds als nachhaltig, wenn sie gemäß der EU-Offenlegungsverordnung als Fonds nach Artikel 8 oder 9 klassifiziert sind.

Über die Klassifizierung von Artikel 8 oder Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung hinaus erhebt das FNG jedoch den Anspruch, auch detailliert Auskunft über  Anlagestrategien geben zu wollen. In dem Bericht werden nachhaltigkeitsbezogene Investitionen ab sofort zusätzlich in vier Ambitionskategorien eingeteilt: Basic ESG Investments, Advanced ESG Investments, Impact-Aligned Investments und Impact-Generating Investments.

Ausschluss von Rüstungsunternehmen und fossilen Energien
Ein weiteres Ergebnis des diesjährigen FNG-Marktberichts:

An der Spitze der Top Ten der unternehmensbezogenen Ausschlusskriterien standen Rüstungsunternehmen – im Einzelnen die Produktion von ABC-Waffen (84 Prozent) und von Streubomben und Antipersonen-Minen (ebenfalls 84 Prozent). Damit trotzen die nachhaltigen Fondsanbieter den vielfach geäußerten Forderungen in Anbetracht des Ukraine-Krieges, Rüstungsunternehmen als nachhaltig einzustufen. Gefolgt wurde dies von Verstößen gegen Menschen- und Arbeitsrechte (82 Prozent). Eine höhere Relevanz im Vergleich zum Vorjahr nimmt der Ausschluss von Unternehmen der fossilen Energie ein, welcher mit 80 Prozent auf Platz 4 rangiert.

Nachhaltigkeitsbanken leisten wichtigen Beitrag
Lobend erwähnt wurde in dem Marktbericht des Forum Nachhaltige Geldanlagen auch die Rolle nachhaltiger Banken. Denn diese würden eine wichtige Rolle im Kontext der nachhaltigen Finanzwirtschaft spielen, da sie durch ihre Tätigkeiten maßgeblich zur Förderung einer ökologisch und sozial verträglichen Entwicklung beitragen können. Die gezielte Vergabe von nachhaltigen Krediten ermöglicht es Banken, klare Anreize zu setzen und nachhaltige Projekte sowie Unternehmen zu unterstützen, die einen positiven Beitrag zu einer nachhaltigen Gesellschaft leisten. Das Gesamtvolumen der an der Erhebung beteiligten Banken umfasst 40,6 Mrd. EUR an Kund:inneneinlagen sowie 29,4 Mrd. EUR an Eigenanlagen, die zu fast 100 Prozent nach hausinternen ESG-Strategien gemangt werden. Zum Stichtag 31.12.2023 hatten die Banken insgesamt Kredite in Höhe von 27,8 Mrd. EUR vergeben, die nach ESG-Kriterien selektiert wurden, was einen leichten Rückgang im Vergleich zum Vorjahr (29,8 Mrd. EUR) bedeutet.

  

 

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Mehr zum Marktbericht Nachhaltige Geldanlagen 

Wenn Sie mehr über den jüngsten Marktbericht Nachhaltige Geldanlagen erfahren wollen, empfehlen wir den folgenden Link: Internetseite FNG mit Marktbericht Deutschland, außerdem den Videostream mit  interessanten Vorträgen und einer Podiumsdiskussion zu Biodiversität als Investmentkriterium.

  • Vorstellung des Marktberichts. Hoang Bui, Studienleiter FNG-Marktbericht (14:15)
  • Keynote: Impact in den Mittelpunkt Nachhaltiger Geldanlagen stellen von Prof. Dr. Thimo Busch, Universität Hamburg (14:45)
  • Podiumsdiskussion: Finanzmarkt und Biodiversität (15:30)
    Steffen Klawitter (BlueOrchard)
    Katarin Wagner (econsense)
    Mona Freundt (CDP)
    Maximilian Bayer (BMUV)
    Moderation:
     Verena Menne (FNG)