Friedrich List und das zweischneidige Schwert der Zölle
Friedrich List war einer der ersten Wirtschaftspublizisten seiner Epoche; als Nationalökonom wirkte er an der Universität Tübingen. In Zöllen erkannte er ein zweischneidiges Schwert: Für ihn war entscheidend, ob Zölle innerhalb der vielen deutschen Einzelstaaten erhoben wurden – oder gegenüber dem Ausland. Im zweiten Fall sprach sich List für „ein auf dem Grundsatz der Retorsion beruhendes Zollsystem gegen fremde Nationen“ aus.
Das historische Argument: Schutzschirm für junge Branchen

Retorsion? Das Zollsystem sollte auf Gegenseitigkeit beruhen. Zölle werden, laut List, immer mit Blick auf „gegnerische“ Zölle erhoben oder gesenkt. Ziel war es, die eigene Wirtschaft vor übermächtiger Konkurrenz zu schützen. Das galt im 19. Jahrhundert besonders für das ökonomische Gefälle, das sich zwischen den deutschen Staaten und Großbritannien ergeben hatte.
Die industrielle Revolution war auf der Insel weit fortgeschritten. Die britische Wirtschaft stellte ihre Waren mit einer viel höheren Produktivität her, als sie auf dem Kontinent üblich war. Die Folge: Britische Produkte hätten das Potenzial gehabt, deutsche Ware völlig vom Markt zu verdrängen. Die Zölle sorgten für höhere Importpreise, wodurch sich die deutsche Industrie unter einem „Schutzschirm“ entwickeln konnte.
Im 19. Jahrhundert waren derartige Schutzzölle ein legitimes Mittel, um junge Industrien in der Aufbauphase vor übermächtiger Konkurrenz aus dem Ausland zu schützen. Sobald diese Industrien jedoch wettbewerbsfähig geworden sind, überwiegen die Nachteile: Der Protektionismus hemmt Innovation und Austausch, und die gesamtwirtschaftlichen Kosten steigen.
Protektionismus und wirtschaftliche Entwicklung
Der Begriff „Schutz“ steckt auch im Wort „Protektionismus“, mit dem Zölle und ähnliche Maßnahmen zusammengefasst werden: „Die heutigen Industrieländer wurden nicht etwa durch Freihandel reich – sondern durch Protektionismus“, schreibt die taz-Redakteurin Ulrike Herrmann. Der Schutz vor Konkurrenz brachte diesen Ländern Wohlstand! Allerdings aus einer Position der Schwäche, die es legitim erscheinen ließ, protektionistische Maßnahmen zu ergreifen.
Globale Perspektive: Zölle in der modernen Wirtschaft
Mit der fortschreitenden Globalisierung ändern sich die Bedingungen für Zollpolitik grundlegend. In der heutigen globalisierten Wirtschaft sind Zölle aus ökonomischer Sicht ein eher ungeeignetes Instrument: Sie verlangsamen den Handel, erhöhen die Preise und führen zu Gegenmaßnahmen anderer Länder. Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass internationaler Freihandel den Wohlstand insgesamt steigert, auch wenn er einzelne Branchen vor Herausforderungen stellt.
Zölle als politische Waffe: Die USA und Trump
Donald Trump etwa missbrauchte die ökonomische Stärke der USA, um schwächeren Ländern seinen Willen aufzuzwingen. Während seiner Amtszeit drohte er mehrfach mit hohen Zöllen gegenüber China und anderen Ländern, um US-Interessen durchzusetzen.
Als sich im Frühjahr 2025 der Konflikt mit Venezuela hochschaukelte, drohte der US-Präsident mit einem Zoll von 25 Prozent. Er sollte alle Länder treffen, die Öl aus Venezuela einführen. Zoll als politische Waffe. Denkbar ist, dass zukünftige Präsidenten ähnliche Maßnahmen gegenüber Ländern wie Venezuela ergreifen. Zölle werden damit zur politischen Waffe, weniger zum Schutz der heimischen Industrie.

Nicht alle Nationen der Welt können sich so zu Wehr setzen wie China oder die Europäische Union (EU). Denn: Zölle sind für den amerikanischen Präsidenten Instrumente der Erpressung – und weniger ein Mittel, um die heimische Industrie zu schützen. 2024 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) seines Landes 23,3 Billionen US-Dollar. Platz 1 in der Welt. Auf Platz 2 kam China mit einem BIP von 18,8 Billionen US-Dollar. Und Deutschland erreichte Platz 3, mit 4,66 Billionen US-Dollar, ein Fünftel des US-amerikanischen Werts. Hinzu kommt: der US-HighTech-Sektor dominiert die Welt; Alphabet, Amazon, Microsoft, Apple und Meta haben sich in den letzten Jahren in vielen Ländern Monopole aufgebaut. Angesichts dieser Machtverhältnisse betreibt Trump eine klare Täter-Opfer-Umkehr, wenn er behauptet: „Unser Land wurde geplündert und vergewaltigt.” Mittlerweile wird aber deutlich: Trump könnten sich ins eigene Fleisch schneiden, weil seine Zölle auf Importware Einfuhren verteuern – und damit die Inflation treiben würden.
Zollschranken und Freihandel im Deutschen Reich
Zurück zu Friedrich List: Der Nationalökonom erkannte nicht nur die positiven Seiten des Protektionismus, er formulierte 1819 ebenfalls eine scharfe Kritik. Dabei betrachtete er Zölle in seiner zersplitterten Heimat: „38 Zoll- und Mautlinien in Deutschland lähmen den Verkehr im Innern.“ Das habe ungefähr die Wirkung, „wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes überfließe“. Wer zwischen Hamburg und Österreich Handel treiben will, „der muss zehn Staaten durchschneiden, zehn Zoll- und Mautordnungen studieren, zehnmal Durchgangszoll bezahlen.“ Eine Konsequenz der Kleinstaaterei, die historisch gewaltige Blüten in Deutschland getrieben hatte.

So setzte sich zwar List für Schutzzölle nach außen ein, aber genauso kräftig plädierte er für Freihandel innerhalb des Deutschen Reiches. Weg mit dem Zoll! Weg mit der Maut! Da war sich der Nationalökonom einig mit der Wirtschaft. Deshalb verfasste List eine Bittschrift für den „Allgemeinen Deutschen Handels- und Gewerbsverein“, um seine Zoll-Ideen vor die Bundesversammlung in Frankfurt/Main zu bringen. Mit dieser Haltung wurde er zu einem Vordenker für wirtschaftliche Integration – eine Idee, die viel später auch in der Europäischen Union verwirklicht wurde.
Freihandel bringt Wohlstand für alle? Kritik und Grenzen
Lists Gedanken zur deutschen Kleinstaaterei erscheinen plausibel, doch auf einer globalen Ebene könnte es sein, dass eher Karl Marx im „Kommunistischen Manifest“ richtig lag. So beschreibt er den damaligen Welthandel mit den Worten: „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“ Die herrschende Klasse beute den Weltmarkt aus – und habe „Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet“, also in alle Winkel der Erde getragen. Marx: „An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander."
Diese „allseitige Abhängigkeit“ kann sehr einseitig ausfallen:

Herrmann nennt als Beispiel die Handelspolitik der USA: Dort hätten die Zölle durchschnittlich 35 bis 50 Prozent betragen, vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Sie sanken erst ab 1950, als die USA „unangefochten die globale ökonomische Supermacht waren“, so die taz-Journalistin.
Das Beispiel Südafrika: Subventionen und Marktverzerrungen
In ein ähnliches Horn stößt der Berliner Afrikawissenschaftler Andreas Eckert: „Länder des globalen Nordens verordnen anderen Ländern gern offene Märkte, sind aber selbst oft weit davon entfernt, ihre eigenen Märkte zu öffnen.“ Diese These bestätigt Boniface Mabanza von der „Werkstatt Ökonomie/Heidelberg“, und zwar in einem Interview mit der taz: „Südafrikas Fleischindustrie hat die Konkurrenz von subventionierten Importen aus der EU, aber auch aus anderen Weltregionen wie Brasilien und den USA massiv geschadet.“ Viele Unternehmen hätten ihre Produktion gesenkt, Arbeitsplätze seien bedroht. Zudem verzerren Subventionen den Wettbewerb. Die Ursache der Krise: „Südafrika darf keine hohen Zölle auf Fleischimporte aus Europa erheben.“ Das würde ein „Wirtschaftspartnerschaftsabkommen“ regeln, so der Experte für Globalisierung, Handels- und Rohstoffpolitik. Wie würde wohl Friedrich List diese Situation beurteilen?
Die Bundesregierung sieht das ganz anders. Sie vertritt die „Marktzugangsstrategie“ der EU und behauptet: „Europäische Unternehmen sind auf Auslandsmärkten zunehmend mit einer Vielzahl von Handelshemmnissen konfrontiert.“ Sie nennt neben Zöllen: „nichttarifäre Hemmnisse, wie technische Vorschriften, besondere Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit, Verletzung des Schutzes geistigen Eigentums sowie Investitionsbarrieren.“ Konsequenz: WTO und Bundesregierung setzen sich weiter dafür ein, „ungerechtfertigte Handelshemmnisse zu beseitigen.“
Was bleibt? Ein differenziertes Fazit zur Zollpolitik
Zölle sind ein umstrittenes wirtschaftspolitisches Instrument. In Ausnahmefällen – etwa zum Schutz junger Branchen oder als Reaktion auf unfaire Handelspraktiken – können sie gerechtfertigt sein. Werden Zölle jedoch von mächtigen Staaten wie den USA eingesetzt, um schwächere Nationen unter Druck zu setzen, sind sie als Mittel der Handelspolitik höchst fragwürdig. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht führen Zölle meistens zu Wohlstandsverlusten. Ein freier Handel ohne Zölle kann vorteilhaft sein, wenn der Austausch von Waren auf Augenhöhe erfolgt – wie es im gemeinsamen Markt der EU praktiziert wird. Problematisch wird Freihandel allerdings, wenn Unternehmen aus industrialisierten Ländern die Märkte von Staaten dominieren, deren heimische Betriebe noch nicht wettbewerbsfähig sind. In solchen Fällen stößt die „Ideologie des totalen Freihandels als alleinseligmachende Lehre“ (Rudolf Hickel) an ihre Grenzen. Gerade dann können Zölle oder andere Schutzmaßnahmen sinnvoll sein, um schwache Wirtschaftszweige zu unterstützen – wie das Beispiel der südafrikanischen Fleischindustrie zeigt.

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