
Gut gelaunte Menschen stehen auf einer grünen Wiese, sie lachen fröhlich in die Kamera. Dafür haben die Mitglieder der Bürger-Energiegenossenschaft (BEG) Kraichgau allen Grund. Sie haben sich in ihrem eigenen Solarpark versammelt. Blaue Solarmodule ziehen sich durch eine hügelige Landschaft, gelber Raps leuchtet hell im Hintergrund.
Genossenschaftliche Solarparks produzieren Strom für 6 Cent pro Kilowattstunde
Im Sommer 2026 soll es so weit sein. Dann geht auch der Bürger.Solarpark Eppingen ans Netz, die PV-Freiflächenanlage wird auf 35 Hektar für mehr als 21 000 Haushalte Strom produzieren. Darüber freut sich Florian Oeß, Vorstandsmitglied der BEG Kraichgau. Er erklärt einen wichtigen Vorteil des Solarparks: „Statt Geld für fossile Energieträger wie Gas und Kohle in ferne Länder zu überweisen, bleibt das hier verdiente Geld in der Region.“ Stichwort: regionale Wertschöpfung. Außerdem ist der Strom aus der PV-Freiflächenanlage günstig: Die Produktionskosten seien „zwischen fünf und sechs Cent pro Kilowattstunde aktuell die günstigsten im Süden Deutschlands, gefolgt von Windkraftanlagen“, so Oeß.
Um dieses große Vorhaben zu stemmen, haben sich fünf Bürger-Energiegenossenschaften in einer Projektgesellschaft zusammengeschlossen, unter der Führung der BEG Kraichgau. Diese Gesellschaft wird ihren Sitz vor Ort haben, um zur regionalen Entwicklung einen Beitrag zu leisten und Steuern in Eppingen zu bezahlen. Ein weiterer Aspekt: Der Solarpark braucht keinerlei Fördermittel.
Gemeinschaft macht stark: Die Bürgerwerke als Dachgenossenschaft

Projekte wie das in Eppingen zu unterstützen, haben sich die Bürgerwerke in Heidelberg auf die Fahne geschrieben. Sie sind eine Dachgenossenschaft, deren Mitglieder über 125 Bürger-Energiegenossenschaften mit rund 50 000 Aktiven sind. Inzwischen entstand auf diese Weise das größte deutsche Netzwerk für Energiegenossenschaften. „Wir sind ein Sozialunternehmen, das mit wirtschaftlichen Mitteln versucht, ein gesellschaftliches Problem zu lösen“, sagt Christopher Holzem, Mitglied der Geschäftsleitung.
Die Wurzeln solcher Gedanken reichen weit in die Vergangenheit: Friedrich-Wilhelm Raiffeisen entwickelte im 19. Jahrhundert eine neue Wirtschaftsform, die Genossenschaft. Sie baute auf einer solidarisch-demokratischen Selbsthilfe auf. Es ging um eine lokale Kooperation, damit Menschen vor Ort einen gemeinsamen Vorteil erwirtschaften. Heute heißt das „regionale Wertschöpfung“ – ein Gedanke, den Raiffeisen so formuliert hat: „Das Geld des Dorfes, dem Dorfe“.
Diese Idee lebt in den Energiegenossenschaften wieder auf. Ihr Ziel: Was an Energiekosten in einer Region entsteht, soll den Menschen zugutekommen, die vor Ort in Wind- oder Solaranlagen investieren. Energiegenossenschaften arbeiten mit einem lokalen Fokus. Mögliche Gewinne wandern nicht ab, wie es bei großen Projektentwicklern sein kann.
Genossenschaftlicher Windpark in Hessen: Bürgerbeteiligung schafft Akzeptanz
Das ist wichtig, wie ein Beispiel aus dem hessischen Odenwald zeigt: Erst standen viele Bürger Windrädern kritisch gegenüber, dann drehte sich der Wind. Das geschah in den Gemeinden Seeheim-Jugenheim, Modautal und Mühltal. Der Grund: Die Einwohner bekamen die Gelegenheit, sich finanziell an einem neuen Windrad zu beteiligen.
Das machte die Energiegenossenschaft Starkenburg möglich. 1.230 Menschen aus der Region investierten in das Projekt WindSTARK 1, etwa die Hälfte von ihnen lebt in der unmittelbaren Umgebung. Getreu dem Motto der Energiegenossenschaft: „Wer auf ein Windrad schaut, der soll auch den Nutzen haben." Seit 2011 dreht sich das Windrad auf der Neutscher Höhe. Bis 2018 kamen sechs weitere Windprojekt dazu, WindSTARK 2 bis 7. Die Genossenschaft ist direkt an drei Bürgerwindrändern beteiligt, die sie auch eigenverantwortlich betreibt.
Von Kostenpunkt zur Einnahmequelle: Die wirtschaftlichen Vorteile der Energiewende
Solche Projekte aus der Metropolregion Rhein-Neckar zeigen, dass ein Perspektivwechsel sinnvoll ist. Denn die Energiegenossenschaften erwirtschaften einen privatwirtschaftlichen Nutzen: Die Beteiligung der Mitglieder besteht immer aus Geschäftsanteilen und Darlehen. So konnten sich die Bürger im hessischen Odenwald am Projekt SolarSTARK 6 ab 2.000 Euro beteiligen: Als Mitglied der Genossenschaft erwarben sie zwei Geschäftsanteile à 100 Euro und gaben dem Solarprojekt ein Darlehen von 1.800 Euro, die verzinst werden, bei einer Laufzeit von 20 Jahren.Eine langfristige und nachhaltige Geldanlage, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Zu dieser Philosophie gehört auch, dass in der Generalversammlung jedes Mitglied genau eine Stimme hat, unabhängig von der Zahl seiner Geschäftsanteile. So entscheidet die Generalversammlung, in welcher Höhe Zahlungen an die Mitglieder erfolgen, wenn es einen Gewinn gibt. Diese demokratischen Grundregeln sollen verhindern, dass einzelne Interessengruppen zu viel Macht erhalten, oder eine „externe Übernahme“ stattfindet.
Die Rolle der Bürgerwerke: Expertise stellen und Unterstützung bieten
Ganz klar: Energiegenossenschaften sind Wirtschaftsbetriebe, die professionell zu führen sind. Da leisten die Bürgerwerke als Dachgenossenschaft viel, damit vor Ort gute Arbeit möglich ist. „Wir wollen die Kraft der Gemeinschaft nutzen“, so Christopher Holzem. Er nennt als Beispiel „geteilte Personalressourcen“: Wenn vor Ort eine Genossenschaft einen neuen Tarif einführen will, kann sie sich an die Bürgerwerke wenden, um deren Know-how abzurufen. Schon ist der Tarif viel einfacher erstellt.
Expertise und Finanzkraft der Dachgenossenschaft sind auch gefragt, wenn es um PV-Freiflächenanlagen geht. 2023 wurde die Projektgemeinschaft für Freiflächen in Bürgerhand ins Leben gerufen, inzwischen beteiligen sich 13 Bürgerenergiegenossenschaften, die Mitglieder bei den Bürgerwerken sind.
Diese Solarprojekte setzen Genossenschaften um, die Potential und Bedarf in ihrer Region am besten kennen. Sie sorgen dafür, dass die Freiflächenprojekte vor allem mit lokalen Betrieben und Kommunen realisiert werden und die Einwohner vor Ort die Möglichkeit bekommen, sich über lokale Energiegenossenschaften zu beteiligen.
Was trägt die Dachgenossenschaft bei? Sie übernimmt bei der Projektentwicklung Planung und Kosten. Zudem leisten die Bürgerwerke eine Anschubfinanzierung für die Freiflächen-Initiative, die sich in den nächsten Jahren wirtschaftlich selbst tragen soll.
Persönlicher Nutzen: Bürgerenergie fördert Teilhabe und stärkt die Demokratie

„Wir haben aber immer noch ein Akzeptanz-Problem“, sagt Juna Schönborn, Referentin für Kommunikation der Bürgerwerke. Daher sieht sie für die Dachgenossenschaft eine weitere wichtige Aufgabe: „Erklären, Mitnehmen, Beteiligen“. Das stärke auch die Demokratie in schwierigen Zeiten, weil Bürger vor Ort aktiv werden, um ihre persönliche Umwelt zu gestalten und einen ökonomischen Nutzen zu haben. „Solarparks in Bürgerhand sind durch und durch demokratische Projekte", so Schönborn.
Doch ihre Dachgenossenschaft koordiniert nicht nur Aktivitäten der Mitglieder, sie ist gleichzeitig ein großer Anbieter von „Bürgerstrom“. Das Konzept: Strom-Kunden unterstützen die beteiligten Genossenschaften mit 0,5 Cent je Kilowattstunde, produziert in regionalen Anlagen in Bürgerhand. 100 Prozent Ökostrom aus Sonne, Wind und Wasser.
Die Bürgerwerke verkaufen auch „BürgerÖkogas“, mit einem Biogas-Anteil von 5, 10 und 100 Prozent. Bei diesem Produkt fließen 0,3 Cent pro Kilowattstunde an die genossenschaftlichen Mitglieder. Das bedeutet: Rund 40 000 Energiekunden waren bisher bereit, über zwei Millionen Euro den Bürgerwerken zur Verfügung zu stellen, um die über 125 Mitgliedsgenossenschaften zu unterstützen. Dabei ging es immer um Investitionen in Erneuerbare Energie.
Fazit:Ökonomie und Ökologie in Bürgerhand

Die wirtschaftlichen Vorteile sind groß, wenn Regionen auf Erneuerbare Energie setzen, besonders in der Hand von Bürger-Energiegenossenschaften. Wer regionale Wirtschaftskreisläufe stärken will, baut Windparks und Solaranlagen. Ökonomie und Ökologie gehen Hand in Hand; Wohlstand und Klimaschutz sind kein Widerspruch. Geschäftsleiter Christopher Holzem sagt schmunzelnd: „Im Hauptjob Weltrettung zu betreiben, ist eine schöne Arbeit“.
Bilder: Bürgerwerke



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